Wie fühlt sich eine dieser Prospekt-Busfahrten an, wenn man deutlich jünger als der Rest der Reisegruppe ist, dazu dick und neurodivergent? Auf geht’s!
Kurz zu mir
… und warum ich diese Reise maaaybe etwas anders erlebt habe, als manch andere Menschen:

Mit meinen 33 Jahren bin ich eine Zillennial – das ist eine Mikro-Generation die zwischen 1993 und 98 geboren wurden. Zu jung für Millennial, zu alt für Gen Z. Ich habe ADHS und es gibt den Verdacht auf Autismus – zusammen bezeichnet man dies auch oft als AuDHS. Menschen mit diesen neurologischen Entwicklungsstörungen nennt man auch neurodivergent.
Seit meiner frühesten Jugend habe ich ein ausgeprägtes Lipo-Lymphödem und um damit klarzukommen, trage ich eine Flachstrickversorgung. Die lindert die Schwellungen und die damit verbundenen Schmerzen.
Durch mein AuDHS nehme ich Veränderungen, Reize und Empfindungen viel intensiver wahr, als neurotypische Menschen, gerne auch „Normies“ genannt. 😉
Ich hatte mit vielem gerechnet… aber ich hab ja auch Dyskalkulie 😉
Gemeinsam mit meiner Tante (1965er Jahrgang) unternahm ich im Juni 2026 eine Busfahrt „Rund um die Ostsee“, beworben in einem dieser Prospekte, die man manchmal im Briefkasten hat.
7 Tage – 7 Länder – und das für ca. 1000 € pro Person. Das ist schon ein echter Schnapper – da kann man nix gegen sagen.
Doch es begann schon damit, dass wir um 2.45 Uhr am Hannover Flughafen als erste zusteigen mussten. Nach und nach kamen dann bis 10 Uhr die restlichen Reisenden dazu, so dass wir am Ende eine Gruppe von 43 waren. Und alle 42 waren mindestens 50+. 😐
Aber hey, mit der „Küken-Position“ hatte ich tatsächlich gerechnet.
Auch, dass ich die dickste Person sein würde. Jepp – expected.
Aber womit ich nicht gerechnet habe, war:
43 Menschen, ein Bus und sehr wenig Rückzugsmöglichkeiten
Was mich als erstes störte – die Gerüche. Ich hab keine Ahnung, ob viele so früh am Tage den Weg in die Dusche oder zur Zahnbürste (oder auch beidem) nicht fanden, aber miese, fiese Gerüche, sind leider etwas, was mein Nervensystem absolut auf Alarm gehen lassen 😵💫
Das besserte sich zumindest (außer für die gestellte Reisebegleiterin) am zweiten Tag der Reise.
Doch was mit den Tagen schlimmer wurde, war dieses Gefühl der Zerrissenheit – da streiten sich eben ADHS und Autismus:
Man will immer mit dabei sein, man liebt es neue Kontakte zu knüpfen, neue Dinge zu sehen und zu erleben! Manche Leute waren auch sehr lustig und man war ja auch aufgeregt! Reise – Yay!
Aber andererseits hasst man auch laute Stimmen, und nerviges Räuspern oder Naseschniefen (take a f*cking Tempo!). Die ständig zu spät kommenden Informationen zusammen mit einem sehr strikten Programm mit wenig Freizeit sorgten für direkte Gereiztheit und auch die teilweise sehr frühen Abfahrten und späten Ankünfte in den Hotels führten zu wenig Schlaf und Dauererschöpfung.
Und natürlich war ich damit nicht allein. Es gab viele, die auch dauergenervt waren. Wiederum zeigten andere ihre Coping Mechanisms, indem sie die Busfahrer-Bar täglich leerten… 🥴🥂
Vom Essen will ich hier jetzt mal lieber nicht schreiben. Nur eins vorweg: Bucht bloß keine Halbpension – selbst das Essen, was euch ein Lieferdienst bringen könnte, wäre authentischer gewesen, als das was uns in den Hotels/Kantinen vorgesetzt wurde…
Genau deshalb war es so wichtig, sich selbst Momente freizuschaufeln, abseits der Gruppe (auch wenn mir das regelmäßig Schelte von der Reisebegleiterin einbrachte). Diese kleinen Erlebnisse, die man nur für sich hatte, sind das, was am Ende positiv im Gedächtnis bleibt.
Curvy im Reisebus – Endgame, wenn man nicht wohin mit sich und den Beinen weiß
Unsere längsten durchgehenden Fahrten, ohne Pausen, waren wohl zwischen 5 und 7 Stunden lang… Das eine Mal, weil wir bei Niagara-Fall-Regen vor Riga im Stau standen und das andere Mal auf der Heimfahrt von Dänemark nach Deutschland.
Die richtige Sitzwahl ist hier das A und O. Und obwohl wir extra Sitze vorgebucht hatten (wir mussten dafür nochmal jeweils 40 Euro extra zahlen) – waren die einzigen Sitze mit ECHTER Beinfreiheit, die in der ersten Reihe (jeweils knapp 70 Euro).
Im Nachhinein bin ich dennoch froh, nicht diese Sitze gebucht zu haben, denn sie wären direkt neben der Reisebegleiterin gewesen… Da hätt ich mir vermutlich bereits am 2. Tag eine Rückfahrtmöglichkeit gesucht… @.@
Besonders wenn man ignorante Menschen vor einem sitzen hat, die die ganze Zeit den Sitz zurückstellen (damit sie da eben auch reinpassen…), verringert dies die eigene Bewegungsfläche enorm.
Wenn man also Beinprobleme hat – entweder schauen, ob irgendwo zwei Plätze frei sind, damit man mal einen Hax hochlegen kann oder eben doch mehr Geld in die Hand nehmen.
Auch die Hotelbäder, Toiletten, Kabinen, etc. waren in jeder Unterkunft anders. Unser Bad in Nacht 2 hatte vielleicht 4 qm für alles (wenn‘s hochkommt). Davon übertroffen mit vielleicht 3,5 war nur noch das Kabinenbad an Bord der Fähre von Finnland nach Schweden.
Die Toiletten sind alle in den Baltikumsländern sehr niedrig… Keine Ahnung warum – ich dachte auch immer die Menschen im Norden seien größer??
Aber bei diesen organisierten Reisen weiß man leider oftmals nicht was einen vorher erwartet. Oh und btw – NUTZT JEDE PAUSE! Denn die Bustoilette kann ich euch wirklich nicht empfehlen, außer ihr seid ein Zwerg und habt keine Platzangst (und kein Problem mit Kanalisationsgerüchen). 👍🏻
Eine Zillennial allein unter Gen Xlern, Boomern und Resten der Silent Generation 👀
Wie oben schon erwähnt, ich hatte erwartet die Jüngste zu sein. Allein schon die Programmpunkte wie „Bier- und Weinverkostung“ oder aber auch wie die Stadtführungen aufgebaut waren (Architektur ja, aber mehr Kirchen, weniger Exzentrik).
Doch nach dem 2. Tag (etwas mehr Schlaf, alle hatten die Möglichkeit ihre Zahnbürsten im Gepäck zu finden), merkte ich, dass viele von den Leuten auch sehr nett und lustig sein konnten. Man muss sich echt ein bisschen auf das Erlebnis einlassen, auch wenn es einen anfänglich abschreckt. 😉
Hinter meiner Tante saß z.B. ein Mittsechziger, der ohne seine Frau fuhr und wir „adoptierten“ ihn. Da wir dann immer zu dritt auftauchten wurden wir geneckt als „Ah, die Urlaubsfamilie“.
Diesem Herrn verdanken wir es auch, dass meine Tante und ich uns in der Mitte der Reise nicht doch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben – Danke H.!
Auch bekam ich unglaublich viele nette Kommentare und Komplimente. Die älteren Herren fanden mich erfrischend und lustig und die Damen der Runde machten mir Komplimente, wie ich meine Flachstrickversorgung (Lipo-Lymphödem) mit meinem bunten Kleidungsstil verbinde und dass ich souverän dazu stehe, wie ich bin.
Viele haben mich auf der Reise auch umarmt und meinten, es wäre toll mich getroffen zu haben. Das war mir fast schon unangenehm 🫣
Aber genau dann merkte ich, dass auch ich von ihrer Anwesenheit profitiert habe. Wie sehr mich manche mit ihren kleinen fiesen Kommentaren bei den Stadtführungen zum Lachen gebracht haben und dazu beitrugen, die Stimmung auch mal aufzulockern.
Ein großer Altersunterschied ist zwar eine Herausforderung, aber wenn sich alle Seiten Mühe geben, kann es auch klappen!
Man merkt wohl schon, dass eher die Organisation, als die Gruppe, das Problem war 😉
Man kann sich noch so sehr bemühen – wenn der Körper aber nein sagt, hat man Pech
Nach vier anstrengenden Tagen durch Polen, Litauen, Lettland und Estland kamen wir am 5. Tag in der Früh in Helsinki (Finnland) an.
Aber ich hatte schon am Abend zuvor gemerkt – irgendwas stimmte nicht.
Trotz Einlagen und vorsichtig sein hatte ich mir meine Füße komplett wund gelaufen. Jeder Schritt war eine Qual und eigentlich bin ich gut darin, sowas zu überspielen. Aber Erschöpfung, Frust und eine angespannte Stimmung führten dazu, dass man mir schon ansah, dass es mir nicht gut ging.
Umso schlimmer wurde es, da wir jetzt zum ersten Mal seit Beginn der Reise eine festgelegte Freizeit von mehreren Stunden zur eigenen freien Verfügung hatten…
Schweren Herzens sagte ich meiner Tante, sie solle mit unserem „adoptierten“ Urlaubsverwandten allein losziehen. Ich blieb in der Umgebung des Hafens. Das war zwar schmerzlich (in jedweder Hinsicht), aber besser für alle.
Ich organisierte mir in einer Apotheke Tape und Blasenpflaster, damit ich die restlichen zwei Tage gut überstehen würde (ein kleines Vermögen 😭💸 ).
Eine fremd organisierte Reise nimmt einem selbst zwar viel Planung, aber sie nimmt einem auch die Möglichkeit die Grenzen des eigenen Körpers abzuwägen und Pausen einzulegen, wenn es nötig ist.
Gibt es ein nächstes Mal? Und wenn ja, was würde ich anders machen?
Vorweg: Ich will auf jeden Fall mit meiner Tante nochmal verreisen (wir konnten unsere Unstimmigkeiten nach Helsinki beilegen 😉 ). Und auch gegen eine Gruppe hätte ich vermutlich nichts einzuwenden.
Aber – und jetzt das große Aber: Ich würde schauen, ob man einen anderen Bus bekommen kann – es gibt nämlich auch Premium-Busse mit großem Abstand nach vorne und hinten.
Ich würde mit der Reisebegleitung ausmachen, wo Start- und Treffpunkte wären und genaue Informationen zu den jeweiligen Abfahrten einfordern und mich auch mal von der Gruppe abseilen, wenn ich keine Lust auf eine Führung hätte.
Ich würde auf jeden Fall ein Paar Ersatzschuhe mitnehmen und ’ne Voltaren-Tube.
Trinken ist essenziell und ich weiß, ich bin eine schlechte Trinkerin. Das hätte mindestens 2x Kopfschmerzen verhindert 😂
Und auf keinen Fall verlasse ich mich je wieder auf eine Halbpension. Lieber bestelle ich mir was bei einem Lieferservice als noch einmal undefiniertes Essen auf dem Teller zu haben.
Fazit – ja, es geht, aber mit Obacht ☝
Die Reise hat mir Orte gezeigt (und zu einem Preis), die ich sonst wahrscheinlich nicht innerhalb einer Woche erlebt hätte. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass „alles ist organisiert“ nicht automatisch „Ich muss mich um nichts kümmern“ bedeutet.
Gerade als curvy und neurodivergente Reisende brauche ich einfach diverse Dinge, um einen Urlaub genießen zu können. Das fängt bei verlässlichen, rechtzeitig erhaltenen Informationen an, und geht über regelmäßige Pausen bis hin zur Freiheit. Auch vom Programm abweichen zu können und Nein zu sagen.
Unsere Abenteuer müssen nicht kleiner werden, nur weil unsere Körper und Gehirne andere Bedingungen und Bedürfnisse haben – nicht vergessen! 😁
Quellenverzeichnis
- Eigene Reiseaufzeichnungen und Fotografien zur Busreise „Rund um die Ostsee“, Juni 2026.
- Polarsteps: Eigene Reisedokumentation „Olivia’s und meine Reise um die Ostsee“, Juni 2026 : https://www.polarsteps.com/LauryPaury/26292895-mein-grosses-abenteuer?s=9d3d1cb5-2a30-4edd-b31a-c8502e28299a .
- Begriff „AuDHD“ :
