Stell dir vor, du willst eine Karaoke-Party veranstalten, hast aber keine Karaoke-Maschine, du hast mal wieder Lust auf Crêpes, aber kein Crêpe-Eisen oder benötigst für dein neues DIY-Projekt eine Bohrmaschine. Vielleicht würdest du dir die Sachen für den gewünschten Zweck also kaufen oder die Party fällt ins Wasser, den Crêpe kaufst du erst auf der nächsten Kirmes und das DIY-Projekt kannst du leider nicht aufhängen. Vielleicht hast du auch Glück und aus deinem Bekanntenkreis kannst du dir die Gegenstände ausleihen. Du könntest es aber auch in deiner Bibliothek versuchen.
In der Bibliothek, fragst du dich? Ja! Viele Bibliotheken bieten mittlerweile eine „Bibliothek der Dinge“ an – ein modernes Angebot, das zeigt, das Bibliotheken heute mehr als nur ein Ort mit Büchern sind.
Was ist eine „Bibliothek der Dinge“?
In ihrer „Bibliothek der Dinge“ bieten Bibliotheken eine Sammlung von unterschiedlichen „Dingen“, die man nur selten benötigt oder einmal ausprobieren möchte, zum Ausleihen an. Die Intention hinter dem Konzept ist einfach: Weniger Konsum, mehr Nachhaltigkeit. Das Konzept ist Teil der sogenannten Sharing Economy: Ressourcen werden gemeinsam genutzt, anstatt alles selbst zu besitzen. Es gibt auch Leihläden oder Vereine und andere Non-Profit-Organisationen, bei denen sich alles ums Teilen dreht.
Durch die bestehende Infrastruktur bezüglich Ausleihfunktion, Einarbeitung und Beratung sind Bibliotheken aber der ideale Ort, um ein solches Angebot zu etablieren. Außerdem sind Bibliotheken bereits zentrale Orte in Städten, die von vielen Menschen besucht werden. Das Angebot der „Bibliothek der Dinge“ profitiert von diesem Besucherstrom, durch häufige Nutzung und weil Nutzende darüber ins Gespräch kommen.
In Deutschland gibt es dieses Angebot bereits in vielen Bibliotheken. In der kleinen ländlichen Bücherei genauso wie in den großen Stadtbibliotheken in Köln, Hamburg oder Berlin. Die Menge und Auswahl der angebotenen Gegenstände sind dabei unterschiedlich und auch bei der Präsentation und der Namensgebung ist der Kreativität keine Grenze gesetzt.
„15 Minuten – so lange läuft eine Bohrmaschine durchschnittlich während ihrer gesamten Lebensdauer„
Weitverbreiteter Fun-Fact nach Aussage von US-amerikanischem Zukunftsforscher und Nachhaltigkeitsexperte Alex Steffen1
Welche Gegenstände kann man ausleihen?
Es werden Gegenstände angeboten, die den (all-)täglichen Bedarf betreffen, aber auch speziellere Objekte sind zu finden. Die Ausrichtung kann dabei unterschiedlich sein und jede Bibliothek hat ihr eigenes Angebot an „Dingen“, die ausgeliehen werden können. Typischerweise sind aber Artikel aus verschiedenen Kategorien vertreten, häufig:
- Haushalt und Kochen: z.B. Raclette-Eisen, Crêpe-Eisen, Entsafter, Vakuumier-Gerät
- Werkeln und DIY: z.B. Bohrmaschine, Akkuschrauber, Buttonmaschine, Beschriftungsgerät
- Technik und Elektronik: z.B. Beamer, Toniebox, Laminiergerät, Actionkamera
- Sport und Freizeit: z.B. Yoga-Sitzkissen, Glücksrad, Hanteln, Stativ
- Musik und Party: z.B. Gitarre, Stimmgabel, DJ-Pult, Discokugel, Karaoke Maschine
Was sind die Hintergründe und welche Effekte entstehen?
Nachhaltigkeit

Bibliotheken tragen maßgeblich dazu bei, das Thema Nachhaltigkeit voranzubringen und das auf niederschwellige und bürgernahe Weise. Dabei orientieren sie sich häufig an den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen.
Beispielsweise thematisieren Veranstaltungen und spezielle Angebote Nachhaltigkeit. Das Prinzip Bibliothek ist aber grundsätzlich nachhaltig. Das gemeinschaftliche Nutzen von Ressourcen sorgt für bewussteren Konsum und erfüllt damit das 12. Nachhaltigkeitsziel „Nachhaltige/r Konsum und Produktion“. Das gilt sowohl für das Leihen von typischen Bibliotheksbeständen wie Büchern, CDs oder Spielen, aber auch für die Ergänzung des Bestands durch eine „Bibliothek der Dinge“.
Geld sparen und Teilhabe
Beim Thema Konsum spielen auch die finanziellen Möglichkeiten eine entscheidende Rolle. Wer gut verdient, kauft sich eine Karaoke-Maschine vielleicht einfach – auch wenn sie nur für einen Abend genutzt wird. Das Leihen ist dann eine bewusste Entscheidung gegen übermäßigen Besitz. Für Menschen mit begrenztem Budget ist eine solche Anschaffung hingegen oft gar keine Option. „Bibliotheken der Dinge“ schaffen hier einen Ausgleich: Sie ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe.
Ausprobieren und Communitys

Bibliotheken haben sich zu dritten Orten entwickelt. Sie sind Orte der Begegnung, an denen man sich aufhalten kann und mit anderen Menschen ins Gespräch kommt. Viele Bibliotheken bieten auch „Makerspaces“ an, in denen Geräte, Platz und Anleitung zum Ausprobieren, experimentieren und zusammenarbeiten zur Verfügung stehen. Eine „Bibliothek der Dinge“ ist grundsätzlich so gestaltet, dass die Dinge ausgeliehen und mit nach Hause genommen werden können. Trotzdem wird auch hier dazu eingeladen, Neues auszuprobieren und darüber ins Gespräch zu kommen.
Die Konzepte „Makerspace“ und „Bibliothek der Dinge“ können auch ineinandergreifen. Möglicherweise stehen die Gegenstände im „Makerspace“ zur Verfügung, wenn sie nicht ausgeliehen sind oder werden zusätzlich zum Verleih auch in der Veranstaltungsarbeit eingesetzt. Stativ und Ringlicht könnten beispielsweise Teil der „Bibliothek der Dinge“ sein, aber auch für eine Fotoworkshop in der Bibliothek genutzt werden.
Wie läuft es für Nutzende?
Aus Nutzersicht ist die Ausleihe meist recht einfach. Die Ausleihe funktioniert mit einem gültigen Bibliotheksausweis. Manche Bibliotheken erheben zusätzlich eine kleine Gebühr pro Gegenstand. Die Leihfristen sind je nach Bibliothek unterschiedlich und können auch von Gegenstand zu Gegenstand abweichen. Eine typische Leihfrist sind vier Wochen. Der Zustand wird bei der Rückgabe geprüft. Bei Beschädigungen oder Verlust können Gebühren anfallen.
Wie kann die Umsetzung für die Bibliothek aussehen?
Auswahl der „Dinge“
Viele Bibliotheken haben bereits „Dinge“ in ihrem Bestand, die andere Biblitoheken in der „Bibliothek der Dinge“ anbieten, deklarieren es aber nicht als solche. Outdoor-Spiele, wie „Wikingerschach“ könnten in einer „Bibliothek der Dinge“ zu finden sein, aber auch in der Abteilung „Gesellschaftsspiele“ stehen. Viele Bibliotheken haben auch Tonie-Figuren und tiptoi-Bücher in ihrem Bestand und bieten dazu ebenfalls die technischen Geräte, wie Toniebox oder tiptoi-Stifte an. Diese könnten ihren Platz aber auch in einer „Bibliothek der Dinge“ Platz finden.
Bibliotheken haben also die Möglichkeit ihren eigenen Bestand zu untersuchen und bereits vorhandene Gegenstände zu einer „Bibliothek der Dinge“ zusammenzuführen. Das schöne ist ja, dass es keine Regeln gibt, was in einer „Bibliothek der Dinge“ enthalten sein muss. Daher ist es auch einfach die „Bibliothek der Dinge“ ganz nach Platz, Budget und Nachfrage einzurichten und aufzubauen. Die Bedürfnisse der Nutzenden unterscheiden sich. Menschen,auf dem Land haben vermutlich andere Wünsche haben als Menschen, die in der Stadt wohnen. Auf dem Land wird sich die Bohrmaschine oder der Entsafter klassischerweise vielleicht eher beim Nachbarn geliehen. Dafür gibt es dann andere Bedürfnisse. Es lohnt sich also eine Umfrage bei den Nutzern und Nutzerinnen zu machen, welche Gegenstände gewünscht sind oder bei welchen Gegenständen die Nutzenden sich vorstellen könnten, diese auszuleihen.
Einarbeitung und Betrieb
Bevor die Gegenstände eingekauft werden, sollte, neben den Budgetplanungen, überlegt werden, wie die Benutzungsregeln sind, also welche Leihfristen es geben soll, ob extra Gebühren pro Gegenstand erhoben werden müssen und wie mögliche Reparaturen oder der Ersatz ablaufen soll. Die Benutzungs- und Gebührenordnung muss gegebenenfalls angepasst werden.
Auch für das Einpflegen in das Bibliotheksprogramm sind Überlegungen anzustellen.
Die Gegenstände sollten attraktiv präsentiert werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Spezielle Möbelstücke oder Vitrinen helfen dabei, die „Dinge“ schön präsentieren und sorgen gleichzeitig für die richtige Sicherung, der teilweise teuren Teile.
Wie bereits erwähnt: Bei der Namensgebung können Bibliotheken kreativ werden und zum Beispiel Dialekte oder lokale Komponenten oder Wortspiele aufgreifen. Beispiele sind:
- „Börde Box (Stadtbibliothek Soest)
- „Stuff4You (Hamburger Bücherhallen)
- „Bib der Dinge“ (Stadtbibliothek Bochum“).
Der Begriff „Bibliothek der Dinge“ hat sich allerdings mittlerweile etabliert und verbreitet, sodass viele Menschen bereits wissen, was sich dahinter verbirgt.
Natürlich ist die Etablierung dieser Angebotserweiterung auch mit Arbeit verbunden. Zuständigkeit und Kapazität sollten eindeutig geklärt sein, denn die Vorbereitungen, sowie Pflege und Ausbau des Angebots sind nicht zu unterschätzen.


Übrigens: Es gibt nicht nur öffentliche Bibliotheken, die eine „Bibliothek der Dinge“ anbieten. Auch wissenschaftliche Bibliotheken haben das Konzept aufgegriffen. Hier bekommst du dann statt Discokugel zum Beispiel einen Geburtssimulator. 😉
Vielleicht habt ihr in deinem Ausbildungsbetrieb bereits eine „Bibliothek der Dinge“. Ansonsten weißt du jetzt was dahintersteckt und hast vielleicht Lust, dass sowas in deiner Bibliothek eingerichtet wird. Schlag es doch mal in der nächsten Team-Sitzung vor.
Liebe Grüße
Merle Muckermann, ausgebildete FaMI und Studentin Informationsmanagement 🙂
Quellenverzeichnis
- Stadtbibliothek Paderborn (o.J.): Bibliothek der Dinge. Online unter: https://www.bibliothek.live/bibliothek-der-dinge [Abruf am 30.07.2026]
- Stadtbibliothek Brilon (o.J.): …und noch vieles mehr!. Online unter: https://www.stadtbibliothek-brilon.de/und-noch-viel-mehr [Abruf am 30.07.2026]
- Stadtbibliothek Offenbach am Main (o.J.): Bibliothek der Dinge. Online unter: https://www.offenbach.de/microsite/stadtbibliothek/besuchen/medienangebot-und-lesekonto/galerie-bibliothek-der-dinge.php [Abruf am 30.07.2026]
- bibliotheken-nrw (o.J.): Die Bibliothek der Dinge: Ein Leitfaden für Mitarbeitende in Öffentlichen Bibliotheken und Interessierte. Online unter: https://www.bibliotheken-nrw.de/wp-content/uploads/Leitfaden.pdf [Abruf am 20.07.2026]
- Wikipedia (o.J.): Bibliothek der Dinge. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Bibliothek_der_Dinge[Abruf am 20.07.2026]
- Ziele für mehr Nachhaltigkeit (o.J.): Ziel 12: Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen. Online unter: https://17ziele.de/ziele/12.html [Abruf am 20.07.2026]
- Schönes Soest (30.07.2026): Ausleihen statt kaufen: Die Börde Box erweitert das Angebot der Stadtbücherei Soest. Online unter: https://schoenes-soest.de/beitraege/ausleihen-statt-kaufen-die-boerde-box-erweitert-das-angebot-der-stadtbuecherei-soest [Abruf am 04.08.2026]
- Schmid, Albert (2021): Bibliotheken der Dinge als neues Arbeitsfeld Öffentlicher Bibliotheken. Online unter: https://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/6666/file/Schmid_Bachelorarbeit.pdf
Abbildungsverzeichnis
- Instagram-Post der Stadtbibliothek Pankow: https://www.instagram.com/p/DPs6UbOjYmJ/
- 12. Nachhaltigkeitsziel: https://17ziele.de/ziele/12.html
- Leihbar: Karaoke-Maschine: https://www.haltern-am-see.de/system/files/2025-09/Beschreibung_Karaokemaschine.pdf
- Gemeinsames Ausprobrobieren in der Bibliothek der Dinge: https://www.slub-dresden.de/besuchen/ausleihen/bibliothek-der-dinge
- Bibliothek der Dinge des Goethe-Institus: Discokugeln: https://www.goethe.de/ins/cz/de/kul/the/thr/bdr/20972622.html
- Bibliothek der Dinge der Medizin-Bibliothek der Universitäts- und Landesbibliothek Münster: https://www.uni-muenster.de/MediBib/ausleihe/bibliothekderdinge.html









