Citizen Science: So ermöglichen Bibliotheken Forschung für alle

Illustration von Renee Zhang/Northeastern University

Illustration von Renee Zhang/Northeastern University

In den vergangenen zehn Jahren haben sich rund 18.800 Bürgerinnen und Bürger an 28 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Citizen-Science-Projekten beteiligt.1 Was dabei oft übersehen wird: Bibliotheken sind an vielen dieser Projekte beteiligt – nicht als reine Bücherlager, sondern als Vermittlerinnen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wer verstehen will, warum Citizen Science gerade jetzt zum Zukunftsthema für öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken wird, findet hier den Überblick.

Citizen Science, auf Deutsch wörtlich so viel wie „Bürgerwissenschaft“, bezeichnet die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an wissenschaftlichen Prozessen.2 Sie reicht von der Formulierung von Forschungsfragen über die Datenerhebung bis zur Auswertung und Veröffentlichung der Ergebnisse.3 Ganz neu ist die Idee dabei nicht: Schon vor Jahrhunderten dokumentierten leidenschaftliche Laienforschende Naturphänomene oder beteiligten sich an Vogelzählungen.4

Neu ist die Reichweite. Digitale Technologien wie Smartphone-Apps und Online-Meldeportale machen es heute möglich, dass sich tausende Menschen ortsunabhängig an groß angelegten Forschungsprojekten beteiligen. Für viele Forschungsfelder ist diese Unterstützung inzwischen unverzichtbar, weil die benötigten Datenmengen von hauptberuflichen Wissenschaftler:innen allein kaum zu bewältigen wären.5 Ob Insektenzählung, Sprachforschung oder das Entziffern historischer Briefe – das Prinzip bleibt gleich: Fachwissen aus der Wissenschaft trifft auf Zeit, Ortskenntnis und Neugier aus der Gesellschaft.

Der Slider zeigt eine Auswahl verschiedener Citizen-Science-Projekte, die auf mitforschen.org vorgestellt werden.


Citizen Science ist längst keine Nische mehr, sondern ein strategisches Thema der deutschen Wissenschaftspolitik. Das Weißbuch „Citizen-Science-Strategie 2030 für Deutschland“ wurde über zwei Jahre hinweg mit mehr als 200 Personen aus 136 Organisationen erarbeitet – darunter ausdrücklich auch Bibliotheken, Museen und Archive.6 Bibliotheken sitzen also nicht nur am Katalog der Diskussion, sie gestalten sie mit.

Buchcover "Citizen-Science-Strategie 2023 für Deutschland" von Aletta Bonn, et al.
Bonn/Brink/Hecker (2021)

Das zahlt sich aus: 89 Prozent der Teilnehmenden an geförderten Citizen-Science-Projekten vertrauen der Wissenschaft, 90 Prozent würden wieder mitmachen.7 Für Bibliotheken als Orte des Vertrauens und der Wissensvermittlung ist das eine seltene Gelegenheit, sich als aktiver Wissenschaftsakteur zu zeigen – statt nur als Ort, an dem über Wissenschaft gelesen wird.


Bibliotheken gelten zunehmend nicht mehr nur als Wissensspeicher, sondern als aktive Akteurinnen der Wissenschaftskommunikation. Eine Citizen-Science-Masterclass des internationalen Bibliotheksnetzwerks LIBER betonte 2024 erneut, wie entscheidend Bibliotheken für den Erfolg solcher Projekte sind.8 Der Grund liegt in ihrer Position: Bibliotheken stehen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und sind damit ein naheliegender Ort, um die Zusammenarbeit von Forschenden und lokalen Communities auszubauen.9

Konkret übernehmen Bibliotheken dabei mehrere Rollen:

  • Infrastruktur-Geberin: Räume, Technik und Personal für Workshops und Datenerhebung
  • Vermittlerin: Kontakt zwischen Forschungseinrichtungen und interessierten Bürgerinnen und Bürgern
  • Datenpartnerin: Eigene Bestände wie Handschriften, Fotos oder Zeitungen werden zur Forschungsgrundlage für Crowdsourcing
  • Kompetenzvermittlerin: Schulungen zu Informations- und Datenkompetenz für Teilnehmende

Die Zentralbibliothek Zürich baut das Handlungsfeld Citizen Science seit 2021 systematisch als Teil ihrer Open-Science-Strategie auf, unter anderem mit Transkription, Georeferenzierung und dem kollaborativen Schreiben von Wikipedia-Artikeln.10

Foto links: O. Malzahn / FGHO
Foto mittig: © re-school.polito.it, Politecnico di Torino, Future Urban Legacy Lab
Foto rechts: NB, Simon Schmid


Wie das konkret aussieht, zeigen Projekte aus dem In- und Ausland11:

Ob Naturwissenschaft, Stadtgeschichte oder Sprachforschung: Citizen Science funktioniert in praktisch jedem Fachgebiet, das eine Bibliothek bedient.

Foto links: Alfredo Marco Pradil / Pexels
Foto mittig: ©
Brockhaus
Foto rechts
: Fiona Murray / Pexels


So groß die Chancen sind, Citizen Science bringt auch Fragen mit, bei denen Bibliotheken ihre Kernkompetenz ausspielen können. Wer Bürgerinnen und Bürger Daten sammeln oder historische Bestände bearbeiten lässt, muss frühzeitig klären, wie Datenschutz und Urheberrecht geregelt sind.13 Genau hier sind Bibliotheken im Vorteil: Sie kennen Fragen rund um Nutzungsrechte, Persönlichkeitsrechte und Datenmanagement aus ihrer täglichen Arbeit ohnehin.

Auch die Frage nach Datenqualität und Nachhaltigkeit lohnt einen Blick vorab: Wie werden die gesammelten Daten dokumentiert, gesichert und langfristig zugänglich gemacht? Bibliotheken, die bereits Erfahrung mit Forschungsdatenmanagement haben, können dieses Wissen direkt in Citizen-Science-Projekte einbringen – ein Vorteil, den viele Forschungseinrichtungen zu schätzen wissen.


  1. Bestände sichten: Welche Sammlungen – Fotos, Briefe, Zeitungen, Naturbeobachtungsdaten – eignen sich für Crowdsourcing oder Transkription?
  2. Vernetzen: Plattformen wie mit:forschen! bündeln laufende Projekte und bieten Weiterbildungsformate für den Einstieg.14
  3. Kooperationen suchen: Kontakt zu Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder lokalen Initiativen aufbauen, die Bürgerbeteiligung suchen.
  4. Pilotprojekt starten: Klein anfangen, etwa mit einer Transkriptions-Aktion oder einem thematischen Aktionstag.
  5. Sichtbar machen: Ergebnisse und Mitmach-Möglichkeiten aktiv über Website und Social Media kommunizieren.


Citizen Science verändert, wie Wissenschaft entsteht – und Bibliotheken sitzen dabei nicht am Rand, sondern mittendrin. Sie bringen genau das mit, was Bürgerforschung braucht: Vertrauen, Infrastruktur, Bestände und die Fähigkeit, zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit zu vermitteln. Wer als Bibliothek jetzt einsteigt, positioniert sich als aktiver Wissenschaftsakteur der eigenen Region!

Ein guter erster Schritt: Die eigenen Bestände auf Citizen-Science-Potenzial prüfen und Kontakt zur Plattform mit:forschen! aufnehmen.


Quellenangaben

  1. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR): Citizen Science, https://www.bmftr.bund.de/DE/Forschung/Gesellschaft/Beteiligungdergesellschaft/CitizenScience/citizenscience_node.html ↩︎
  2. ebd. ↩︎
  3. TU Wien Bibliothek: Citizen-Science-Projekte, https://www.tuwien.at/bibliothek/citizen-science ↩︎
  4. Leibniz-Gemeinschaft: Citizen Science, https://www.leibniz-gemeinschaft.de/forschung/citizen-science ↩︎
  5. ebd. ↩︎
  6. Helmholtz-Gemeinschaft: Citizen Science, https://www.helmholtz.de/transfer/citizen-science/ ↩︎
  7. BMFTR ↩︎
  8. Österreich forscht (citizen-science.at): Warum Bibliotheken eine Schlüsselrolle in Citizen Science spielen, https://www.citizen-science.at/blog/warum-bibliotheken-eine-schluesselrolle-in-citizen-science-spielen-1 ↩︎
  9. TU Wien: Webinar zum Thema Citizen Science an Bibliotheken, https://www.tuwien.at/bibliothek/alle-news/news/webinar-zum-thema-citizen-science-an-bibliotheken ↩︎
  10. Universität Innsbruck, Bibliothekskongress 2023: Citizen Science in wissenschaftlichen Bibliotheken – Zentralbibliothek Zürich, https://www.uibk.ac.at/congress/bibliothek2023/programm/abstracts-donnerstag-vormittag/citizen-science-in-wissenschaftlichen-bibliotheken.html ↩︎
  11. Bibliotheksportal (Kompetenznetzwerk für Bibliotheken): Spotlight Citizen Science – Projektbeispiele aus dem In- und Ausland, https://bibliotheksportal.de/spotlight-citizen-science-projektbeispiele-aus-dem-in-und-ausland/ ↩︎
  12. Staatsbibliothek zu Berlin (Stabi Lab): Citizen Science, https://lab.sbb.berlin/citizen-science/ ↩︎
  13. BMFTR ↩︎
  14. mit:forschen! – Gemeinsam Wissen schaffen, https://www.mitforschen.org/ ↩︎

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