
Einführung
Achtsamkeit im Unternehmen gewinnt zunehmend an Bedeutung. In einer Welt, die von globalen Konflikten, Klimawandel und steigenden Lebenshaltungskosten geprägt ist, ist der Faktor Stress in der Bevölkerung allgegenwärtig.
Wirtschaftliche Erschütterungen, ausgelöst bspw. durch die COVID-Pandemie, globale Konflikte, wie den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und aktuell im Iran, sowie einer erratischen Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Donald Trump sorgen für zunehmende Unsicherheiten, sowohl wirtschaftlich, als auch im privaten Bereich. So wurden alleine in Deutschland im Jahr 2025 ca. 124.000 Stellen in der Industrie gestrichen¹
Die Inflation und Lebenshaltungskosten steigen² und belasten die Bürgerinnen und Bürger zunehmend. Zudem hat auch die ständige Erreichbarkeit durch digitale Werkzeuge sowie ein wachsender Leistungsdruck einen erheblichen Einfluss auf das Stresslevel³.
Auswirkungen durch Stress
Laut dem Stressreport der TK-Krankenkasse⁴ fühlen sich alleine in Deutschland nach eigener Aussage 66% der Menschen “häufig oder manchmal gestresst”. 62% hiervon leiden an psychosomatischen Symptomen wie Rückenverspannungen oder Muskelschmerzen sowie Schlafstörungen und Erschöpfungssymptomen.
Auch intrinsische Faktoren haben einen hohen Einfluss auf das Stresslevel. Laut eben erwähnten TK Stressreport⁴ sind Ansprüche an die eigene Person hier der größte Auslöser. Viele Menschen legen extrem hohe Standards an sich an, können eigene Fehler kaum akzeptieren und setzen unrealistische Ziele, was Stress auslöst und zudem schnell zu depressiven Verstimmungen führen kann⁵. Durch die wachsende Möglichkeit der Arbeit im Homeoffice sind Beschäftigte zudem angehalten, “Arbeitszeiten und Pausen sowie Arbeitsgestaltung und Selbstorganisation neu zu denken”³ (S. 5).
Viele dieser Stressfaktoren wirken sich im Beschäftigungsverhältnis aus, so dass Unternehmen zum Handeln gefordert sind. Glücklicherweise gibt es für Arbeitgeber Möglichkeiten, ein aktives Gesundheitsmanagement für die Beschäftigten zu betreiben. Neben Angeboten wie Betriebssport zeigen Studien⁶,⁷, dass sich Resilienztraining in einer Welt zunehmenden Stresses bewährt. Achtsamkeit ist hier das Stichwort.
Definition & Geschichte von Achtsamkeit
Das Konzept Achtsamkeit findet seinen Ursprung in der buddhistischen Lehre und meint heute “das absichtsvolle Gegenwärtigsein unseres Geistes bei allem, was gerade im Moment geschieht, bei Empfindungen des Körpers, Bewegungen des Geistes, Wahrnehmungen und Gefühlen, ohne dass diese beurteilt werden”⁸ .
Dadurch sollen physische und psychische Impulse, die normalerweise unbewusst auftreten, wahrgenommen werden, um die daraus resultierende Handlung bewusster steuern zu können. Menschen sind häufig mit den Gedanken nicht im Hier und Jetzt, sondern in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Dadurch “bemerken [Menschen] weder die Signale unseres Körpers noch unsere Bedürfnisse oder Belastungsgrenzen”³ (S. 9)
Als Vorreiter des Konzepts Achtsamkeit der Moderne und der Stressbewältigung gilt der Molekularbiologe John Kabatt-Zinn. Er entwickelte 1979 das 8 Wöchige Mindfulness Based Stress Reduction-Programm (kurz: MBSR-Programm, übersetzt: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) das in den folgenden Jahren großen Einfluss, “weltweit im Gesundheitsbereich, in pädagogischen und sozialen Einrichtungen sowie in Unternehmen erfolgreich angewendet”⁹ . Das Programm verbindet Meditationen mit Ansätzen aus der Psychologie und Stressbewältigungsstrategien⁹ und soll es den Anwendenden kurz gesagt ermöglichen, Impulse des Körpers, Emotionen und Warnsignale wahrzunehmen und alternative Handlungsoptionen zu entwickeln, um einen fürsorglicheren Umgang mit der eigenen Person zu finden³ (S. 10).
Vorteile von Achtsamkeit im Unternehmen
Durch die Fähigkeit, Impulse wahrzunehmen, nicht zu bewerten und die Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu behalten, soll eine sogenannte “Verringerung von affektiver Reaktivität”¹⁰S. 7,) bewirkt werden. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass trainiert wird, zu verhindern, auf negative Impulse mit negativen Emotionen und Handlungen zu reagieren. Die ausübende Person nimmt belastende Gefühlszustände wie Stress bewusster wahr und kann früher intervenieren, ohne dass Handlungen im “Autopiloten”³ (S. 8)ausgeführt werden. Darüber hinaus trainiert Achtsamkeit Fähigkeiten wie Akzeptanz, (Selbst-)Vertrauen und das Loslassen von Belastungen¹⁰, S. 13. Zudem ist die positive Wirkung von Achtsamkeit auf die Aufmerksamkeitsspanne der Probanden nachgewiesen, was im Arbeitskontext eine fokussiertere Arbeitsweise mit sich bringt¹⁰.
Die (positive) Wirkung von Achtsamkeit kann sowohl physiologisch⁶ (S. 23 ff., S. 25 ff.) als auch neuronal⁷ (S. 35 ff.) gemessen werden. Es sei jedoch gesagt, dass das Konzept möglicherweise nicht etwas für jedermann ist und manche Personen andere Lösungsansätze zum Umgang mit Stress benötigen.
Achtsamkeit im Unternehmen implementieren
Um ein Achtsamkeitskonzept im Rahmen einer betrieblichen Gesundheitsförderung erfolgreich in einem Unternehmen zu implementieren, wurden 5 Bedingungen ausgemacht¹¹, die dafür erfüllt sein sollten:
1. Allgemeine Rahmenbedingungen¹¹ (S. 202)
Der Arbeitgeber muss Rahmenbedingungen schaffen, die den Beschäftigten die Teilnahme an einem Achtsamkeitstraining ermöglichen. Dazu gehören u. A. eine Einräumung, die Teilnahme während der Arbeitszeit zu ermöglichen und einen eigenen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem das Achtsamkeitstraining durchgeführt werden kann.
2. Trainingssetting¹¹ (S. 202)
Meint einen konkreten, zeitlichen Ablauf des Übungsprogramms. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass bspw. ein Rahmen mit wöchentlich acht Terminen á zwei bis zweieinhalb Stunden zu Erfolgen führt.
3. Achtsamkeitstrainer¹¹ (S. 202 ff.)
Einen guten Trainer zeichnen besonders drei Eigenschaften aus: Eine Motivation, die sich zum einen aus einer persönlichen Überzeugung speist, dass Achtsamkeit eine effektive Methode zur Stressprävention darstellt. Zum Anderen der Gedanke, dass die Mitarbeitenden die neu gewonnene Ruhe in ihr privates Umfeld tragen und das Training somit einen größeren gesellschaftlichen Nutzen hat. Allgemein sollte der Trainer auch in der Lage sein, Inhalte entsprechend transportieren zu können, bspw. indem er/sie Präsentationen halten kann. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass er/sie es schafft, den Teilnehmenden die Vorzüge von Achtsamkeit vorzuleben und in ihnen eine intrinsische Motivation zu wecken.
4. Unternehmen/Organisation¹¹, 2019, (S. 203)
Damit die Implementierung gelingt, muss das Thema Gesundheit in einem Unternehmen in der Unternehmenskultur generell Einzug und Akzeptanz finden, und zwar auf allen Hierarchieebenen. Führungskräfte müssen “ganzheitlich führen”, also neben der Autoritätsfunktion auch soziale Aspekte berücksichtigen, authentisch auftreten und eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams etablieren.
5. Teilnehmende¹¹ (S. 203)
Sind alle Rahmenbedingungen geschaffen, kann Achtsamkeitstraining natürlich nur funktionieren, wenn die Teilnehmenden Interesse, Offenheit und Bereitschaft dem Thema Achtsamkeit gegenüber aufzubringen – hier ist jeder selbst dazu angehalten, das Engagement aufzubringen um entsprechende, persönliche Resultate zu erzielen.
Kosten für Achtsamkeit im Unternehmen
Im Jahr 2023 lag der Durchschnitt von Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen) pro Beschäftigte bei 21,0 Tagen. 16% der AU-Tage wurden durch psychische Erkrankungen verursacht, die durchschnittliche Dauer der durch psychische Erkrankungen verursachten AU-Tage lag bei 48 Tagen. Die Kosten durch Produktionsausfälle beliefen sich im Jahr 2023 dadurch auf ca. 35,4 Milliarden Euro, was einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,8% entsprach¹². Die direkten Kosten für das Gesundheitssystem beliefen sich 2023 auf insgesamt etwa 63,3 Milliarden Euro oder 780€ pro Kopf¹³.
Diesen Kosten gegenübergestellt variieren die Preise für ein Achtsamkeitstraining wie dem bereits erwähnten MBSR-Programm durch ausgebildete MBSR-Trainer, je nach Angebot, Umfang, Dauer etc. Für diesen Blogbeitrag wurden daher ausgewählte Angebote verglichen und variierten zwischen 180€¹⁴ – 398€¹⁵ pro Person.
Es sei gesagt, dass das Einkommensteuergesetz (EstG), §3, Nr. 34 besagt, dass “zusätzlich zum ohnehin geschuldeten Arbeitslohn erbrachte Leistungen des Arbeitgebers zur
Verhinderung und Verminderung von Krankheitsrisiken und zur Förderung der Gesundheit in Betrieben, die hinsichtlich Qualität, Zweckbindung, Zielgerichtetheit und Zertifizierung den Anforderungen […] genügen, soweit sie 600 Euro im Kalenderjahr nicht übersteigen”¹⁶. Die Kosten pro Person bis 600€ können somit vom Arbeitgeber übernommen werden.
Fazit
Natürlich handelt es sich um Durchschnittswerte. Es gibt viele andere Arbeitsausfälle, denen keine psychische Ursache zugrunde liegt. Daher sollte das Portfolio einer betrieblichen Gesundheitsförderung breiter gestreut sein, bspw. mit Rückenschulen, Sehtests, etc.
Die Zahlen sind jedoch ein Indikator dafür, dass Prävention relativ günstig ist, im Gegensatz zu den potentiellen Kosten durch Arbeitsausfälle und damit verbundenen Produktionsausfällen und Kosten für das Gesundheitssystem.
Zudem verbessern Achtsamkeit und sonstige Stressbewältigungsstrategien auch die Lebensqualität der Probanden, so dass ein positiver Einfluss auf das private Umfeld entsteht und dadurch im Idealfall ein gesellschaftlicher Mehrwert geschaffen wird.
Weitere Beiträge von Studierenden der Hochschule Hannover, unter Anderem zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement, finden Sie hier
Quellenverzeichnis
¹ dpa. (2026). Standort Deutschland: Mühsam aus der Krise – Industrie streicht über 120.000 Jobs. Online unter https://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/konjunktur-industrie-baut-2025-mehr-als-120000-jobs-in-deutschland-ab/100200930.html [Abruf am 28.04.2026]
² Statistisches Bundesamt (o. J.): Inflationsrate im März 2026 bei +2,7 %. Online unter https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_127_611.html [Abruf am 28.04.2026]
³ Eßwein, Jan (2023): Achtsamkeit am Arbeitsplatz. Wie Organisationen eine Zukunftskompetenz in Prävention und Gesundheitsförderung einsetzen. Online unter https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Wegweiser/Dokumente/iga.Wegweiser_Achtsamkeit_am_Arbeitsplatz.pdf
⁴ TK – Die Techniker (2025): Stressreport 2025. Online unter https://www.tk.de/resource/blob/2207446/19c9824592652569ea05973fbdc1b6c9/tk-stressreport-2025-data.pdf
⁵ Koutra, Katerina, Mouatsou, Chrysi., & Psoma, Sofia (2023): The Influence of Positive and Negative Aspects of Perfectionism on Psychological Distress in Emerging Adulthood: Exploring the Mediating Role of Self-Compassion. In: Behavioral Sciences, Jg. 13, H. 11, S. 1-15. Online unter https://doi.org/10.3390/bs13110932
⁶ Schmid, Regina F.; Thomas, Joachim (2019): Physiologische Aspekte der Achtsamkeit. In: Chang-Gusko, Yong-Seun; Heße-Husain, Judith; Cassens, Manfred & Meßtorff, Claudia (Hrsg.). Achtsamkeit in Arbeitswelten: Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://doi.org/10.1007/978-3-658-25673-9
⁷ Heße-Husain, Judith; Meßtorff, Claudia (2019): Neuroimmunologie der Achtsamkeit. In: Chang-Gusko, Yong-Seun; Heße-Husain, Judith; Cassens, Manfred & Meßtorff, Claudia (Hrsg.). Achtsamkeit in Arbeitswelten: Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://doi.org/10.1007/978-3-658-25673-9
⁸ Wallach, Harald (2022). Stichwort: Achtsamkeit. In: Dorsch Lexikon der Psychologie. Online unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/achtsamkeit [Abruf am 28.04.2026]
⁹ MSBR-Verband (o. J.): Achtsamkeit mit MBSR. . Online unterhttps://www.mbsr-verband.de/achtsamkeit/mbsr [Abruf am 28.04.2026]
¹⁰Chang-Gusko, Yong-Seun (2019): Geschichte und Definitionen von Achtsamkeit. In: Chang-Gusko, Yong-Seun; Heße-Husain, Judith; Cassens, Manfred & Meßtorff, Claudia (Hrsg.). Achtsamkeit in Arbeitswelten: Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://doi.org/10.1007/978-3-658-25673-9
¹¹Hiendl, Christoph O. (2019): Achtsamkeit in Arbeitswelten – Mögliche Umsetzungsszenarien in Großunternehmen. In: Chang-Gusko, Yong-Seun; Heße-Husain, Judith; Cassens, Manfred & Meßtorff, Claudia (Hrsg.). Achtsamkeit in Arbeitswelten: Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://doi.org/10.1007/978-3-658-25673-9
¹² dgppn (2025): Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand: Februar 2025. Online unter https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankungen.pdf
¹³Janson, Matthias. Infografik: Welche Krankheiten sind am kostenintensivsten? Statista Daily Data. Online unter https://de.statista.com/infografik/34983/kosten-durch-krankheiten-und-koerperliche-schaeden-in-deutschland [Abruf am 28.04.2026]
¹⁴Wolf, Suzan (o. J.): Achtsamkeitstraining für Unternehmen. Online unter von https://www.suzan-wolf.de/unternehmen [Abruf am 28.04.2026]
¹⁵wegezumsein (o. J.) MBSR – Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Online unter https://www.wegezumsein.com/seminar-event-fuer-unternehmen/mbsr-stressbewaltigung-durch-achtsamkeit-8-wochen-kurs-fur-den-beruf/ [Abruf am 28.04.2026]
¹⁶Bundesministerium der Finanzen(2023): Umsetzungshilfe zur steuerlichen Anerkennung. In: Amtliches Lohnsteuer-Handbuch—LStH 2023 BMF. Online unter https://esth.bundesfinanzministerium.de/lsth/2023/B-Anhaenge/Anhang-18c/anhang-18c.html [Abruf am 28.04.2026]

